Irrtümliches Schließen auf Intelligenz: Uneinheitlichkeit von Gedanken und Sprache

Veröffentlicht am 16. Dezember 2020 um 11:45

Unwillkürlich assoziieren die Menschen ein hohes Maß an sprachlicher Tauglichkeit mit Intelligenz. Zugegeben, erscheint die Folgerung auch recht plausibel: immerhin transportiert der Mensch seine Gedankenwelt durch Sprache in die Außenwelt. Da dieser Prozess des Transportierens immateriell vonstattengeht, also nicht empirisch nachvollzogen werden kann, entsteht der Eindruck der Einheit von Gedanken und Sprache. Folglich wird unbewusst die Tätigkeit des Sprechens und Schreibens abgekoppelt vom restlichen Gemenge menschlicher Tätigkeiten und mit einem besonderen Wert versehen: Sie erweisen sich als Urkunde von Intelligenz. Das Geübtsein in Sprache, das effiziente Abrufen von abgespeicherten sprachlichen Informationen und Methoden, ergo das Gebildetsein nimmt sie dankend in Anspruch. Einmal die geistige Substanz zur Sprache verdinglicht, vermögen die Menschen nicht mehr zu unterscheiden zwischen Bildung und Intelligenz.
 
An dieser Stelle darf die Frage erlaubt sein, woher sie denn eigentlich stammt, diese gefälschte Urkunde? Wer ist verantwortlich für das fragwürdige hierarchische Paradigma, das sich durch sie konstituiert? Die Repräsentanten des Regiments egalitärer Ideologie stellten sie aus! Wer Intelligenz mit Bildung gleichsetzt, umgeht geschickt Aspekte von naturbedingter Ungleichheit: da die Übung in Sprache, das tüchtige Abspeichern von Informationen prinzipiell jedem Menschen offen steht, wird Intelligenz zu einer Frage der Leistung, nicht der Begabung. An diesem Punkt lässt sich ein Bogen spannen zur Methodologie, die heutzutage in Bildungseinrichtungen prävaliert. In ihnen wird, entgegen der Auffassung konformer Individuen, die eine zu hohe Wertschätzung für Begabung monieren, ausschließlich auf Leistung und auf den Willen Leistung zu erbringen, auf das Einverstandensein mit dem intransparenten Kodex der Einrichtung geprüft, nicht auf die einer Natur inhärenten Qualität. Die zivilisatorische Größe der Ungleichheit fällt in diesem Kontext einmal mehr der Zensur zum Opfer.
 
So verheerend dieser Umstand für die Gesamtsituation der Menschheit sein mag, profitieren auch viele Personenkreise von dieser Negation der Begabung und der damit verwobenen Vergötzung des Sprechens und Schreibens. Das Geheimnis, dass es sich hierbei nicht um Tätigkeiten handelt, die naturgemäß einen höheren Rang einnehmen als andere Tätigkeiten menschlichen Seins, muss von den Profiteuren gehütet werden, vor anderen und insbesondere vor ihnen selbst. Erstens, um ihre gesellschaftliche Stellung zu bewahren, zweitens, um die Unterminierung des selbstlosen Charakters ihrer Identität, der kein geringes Behagen stiftet, durch das Prüfen auf entsprechendes Handeln zu vermeiden.
 
Gern aber portraitiere ich den Helden, der es nochmals unzweideutig betont: Es existiert keine Einheitlichkeit oder Verwandtschaft zwischen geistigen Entitäten und sprachlichen Ausdrücken. Aus der Notwendigkeit einen Weg zur effizienten Kommunikation zu finden, entstand das Verhältnis zwischen ihnen. Der Mensch begann mit der Herstellung von Wortlauten, da sie vermochten Gedanken umfangreicher in die Außenwelt zu transportieren und an Artgenossen zu vermitteln, ergo seine Überlebenschancen zu steigern. Das Verhältnis bestand folglich nicht naturgemäß im Sinne einer Verwandtschaft, sondern wurde der offensichtlichen Praktikabilität wegen sozial konstruiert. Analog zum Verhältnis von Waren zu einem Transportmittel, vermittels welchem sie zum Unternehmen des Verkaufs transportiert werden, das sie der Öffentlichkeit zu Verfügung stellt, bleiben die geistigen Waren durchwegs eigenständige Entitäten, die nie mit dem Transportmittel (der Tätigkeit des Sprechens und Schreibens) verwachsen, sei es auch bloß für diesen Zweck hergestellt worden. Darüber hinaus beanspruchen sie es auch nur für einen bestimmten Zeitraum, der nicht ihre gesamte Lebenszeit erfasst. Manch sprachlich gewandte Person verfügt über einen ganzen Güterzug, mit dem sie Gedanken, seien es fremde oder ihre eigenen, an den Ort des Verkaufs transportieren kann, während die Ungewandte seine Waren für ewig im Lager aufbewahrt und vermutlich weder Zeit noch Muße findet sie zu inspizieren oder zu vermehren. Ganz recht: die privilegierte Lebenslage befähigt Individuen nicht bloß zum Transport, sondern auch zur Vermehrung. Dergestalt begründet sich die Korrelation der sprachlichen Tauglichkeit mit einem verhältnismäßigen Reichtum an (meist wertlosen, fehlerhaften, Schaden induzierenden) öffentlich verwertbaren Gedanken.
 
Angesichts dieser faktischen Uneinheitlichkeit von Gedanken und Sprache, der Illusion des Sprechens und Schreibens als eine Tätigkeit höheren Ranges, des stattdessen bloßen Verweises auf das spezifische Privileg oder die spezifische Willenskraft, wäre die Behauptung, Intelligenz fände sein Richtmaß in der Tätigkeit des Kochens oder des Blumenzüchtens, nicht weniger zulässig. In diesem Zusammenhang ließe sich dem Akademiker die Intelligenz absprechen, weil er nicht in der Lage ist ein defektes Gerät zu reparieren; er eben nicht geübt ist in Tätigkeiten, die praktisches Schließen und die Verwertung motorischer Potentiale beanspruchen. Selbstredend wäre dies nicht weniger albern als die vom bestehenden Machtapparat indirekt vermittelten Deutungsmuster, die im Hinblick auf Intelligenz jeden per se abqualifiziert, der über keine sprachliche Tauglichkeit verfügt. Ein derart fehlendes Bewusstsein über die Konstitutionsbedingungen der eigenen Identität, die jenes unbewusste oder gar bewusste Urteil voraussetzt, indiziert den tatsächlichen Mangel an Intelligenz.

 


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