Zwangsläufigkeit des Scheiterns der "Liebe"

Veröffentlicht am 28. November 2020 um 15:36

Es darf bezweifelt werden, ob es in der menschlichen Existenz eine ausgiebigere Quelle für Enttäuschung gibt als den Paarungstrieb. In der auf der Erde aktuell dominierenden Kulturen bezeichnet der Mensch die ganze auf ihn fußende Kaskade von Gefühlen, aus der gesetzmäßig Partnerschaften entstehen, als Liebe. Mit diesem Umgang des Begriffs aber, verflechtet er sexuell verfasste Verhältnisse mit asexuellen. Indem sich auch die Bindung zu Eltern, Kindern, Geschwistern, Freunde, Nationen, Heimaten, Kunstwerken, Institutionen, Kulturen usw. unter dem selben Begriff subsumieren, nivelliert er die Verschiedenheit der Wesen der Gefühle, die sexuelle und asexuelle Verhältnisse bedingen. Anders formuliert: wir verwenden einen Begriff für zwei verschiedene immaterielle Systeme. Da nun sowohl das Bedürfnis nach Liebe zu den Eltern als auch das faktische Verhältnis zu ihnen in der menschlichen Biographie vorausgeht, stellt sie für den Menschen, bedingt durch die linguistische Homogenisierung, durch die Gleichstellung vermittels des Begriffs, das Modell für jede sexuell verfasste Partnerschaft. Das zwangsläufige Abflachen der sexuellen und sinnlichen Anziehungskraft, die gleichbedeutend mit dem Abflachen des Gefühls den Partner zu lieben ist, induziert folglich Enttäuschung und Kummer, weil die Erwartungshaltung aus der Orientierung an eine Liebe rührt, die sich im individuellen Dasein als Konstante statuiert. Diesem Anspruch können die mit dem Paarungstrieb verknüpften Gefühle nicht gerecht werden.


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