Existentieller Charakter moderner Sexualität

Veröffentlicht am 3. Dezember 2020 um 15:36

Obgleich des Gefälles zwischen den anthropologischen Entwicklungsstufen, besteht die soziale Prozesse gravierend beeinflussende Intensität des Reizes menschlicher Physiognomie innerhalb des zeitgenössischen Kollektivs im gleichen Maße wie innerhalb derer aus vorzivilisatorischen Epochen. Nicht zu denken wäre daran ohne den Umstand suggestiver Verhüllung durch Kleidung. Sie transportierte ihn ohne Einbuße bis zur aktuellen Stufe anthropologischer Entwicklung. Damals, unter dem Einfluss animalischer Charakteristika des Daseins noch die Ursache der sexuellen Impulse selbst, stellt der Reiz der Körperlichkeit unter modernen Lebensbedingungen nur noch das Symptom eines sich tief in der Libido verwurzelten Verlangens dar. Dieses zielt darauf ab angesichts der aalglatten, synthetischen Einrichtung der modernen Lebenswelt, in der sämtliche Aktivitäten in prägeformte Bahnen verlaufen, sämtliche Materie in stilisierter Form erscheint, sämtliche Interaktionen manieriert sein müssen, allerorts eine pedantische Ordnung waltet, einen Urzustand in Erfahrung zu bringen, der im Kontrast zur possierlichen, zivilisatorischen Realität vermag ein zügellos-befreiendes Erleben hervorzurufen.

 

Indem das im regulären Alltag warenförmig zugerichtete Gegenüber in der sexuellen Praxis rücksichtslos auf seine naturwüchsige Gestalt hin dekonstruiert wird, entsteht die Möglichkeit der Entgrenzung: das Fenster zur Dimension bloßer Kreatürlichkeit, in der das Hemmnis jede Funktion verliert, da in ihr keine Normen und Regeln gültig sind, wird vor dem Hintergrund des hübsch eingerichteten kulturellen Formgehäuses geöffnet. Im Rausch des Ausblicks auf diese faszinierende Ungeheuerlichkeit, im Wunsch das anarchische Naturwesen in Erfahrung zu bringen, bearbeitet das Subjekt gierig den brachliegenden Fleischkörper des Partners, der im Kontrast steht zu dessen herkömmlichen sublimierten Alltagserscheinung. Das antizipierte befreiend-barbarische Erleben stellt sich ein. Das Unmögliche scheint möglich. Affektiv entsteht der grenzenlose Übermut den zivilisatorischen Kontext zu verlassen, durchs geöffnete Fenster zu steigen. Die impulsiven Einwirkungen auf die im regulären Tagesgeschäft schicklich Hausarbeit verrichtende und autofahrende Gestalt werden zum Wahn und verfolgen den Zweck beide Bewusstseine aus dieser Realität ins Reich bloßer Kreatürlichkeit zu entführen. Indessen die sublimierte Wesensart des Gegenübers daraufhin notgedrungen über die Klippe springt und sich den natürlichen Affekten hingibt, spiegelt der Blick auf dessen Gesicht, da es im regulären Alltag naturgemäß stets präsent ist, weiter die kultivierte Dimension des Daseins. Und genau im Wesen eines solchen Blickfangs liegt der von Affekten umhüllte unverstandene Glutkern der Sexualenergie des modernen Subjekts: nicht in dem enthemmten, zügellosen Erleben, der Entfaltung seiner reingewaschenen Natur an sich, sondern in der ungeheuerlichen Möglichkeit ihrer straflosen Inanspruchnahme auf der Bühne der zivilisatorischen Lebensrealität, hinter deren Vorhang sie im regulären Alltag notgedrungen verbannt wird. Eine potentielle Erfahrung, die die eigene synthetische Existenzform unwillkürlich für einen Moment transzendiert. Darin liegt er, der - freilich selten verwertete - unbewusst in Aussicht gestellte Mehrwert, der Grund warum sexuelle Triebenergien nach wie vor eine führende Rolle im menschlichen Sein beanspruchen.


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