Wahrer Grund des Fortschritts

Veröffentlicht am 29. November 2020 um 15:35

Die Information, dass sämtliche Phänomene der Natur seit Anbeginn von Raum und Zeit dem Wandel unterworfen sind, würde sich für den prototypischen Bildungsbürger sicherlich als keine Neuigkeit qualifizieren. Allein mit dem Blick auf die Evolution der Lebewesen versteht er diese Gesetzmäßigkeit. Derselbe Intellekt aber, der diesen Umstand als selbstverständlich verzeichnet, sorgt auch dafür Tatbestände der menschlichen Zivilisation aus dem Terrain der Natur auszustoßen. Zwecks Gewährleistung des Gefühls Zusammenhänge materieller Wirklichkeit überhaupt statthaft reflektieren und objektiv bewerten zu können, muss er sich selbst und damit auch seine Existenzbedingung, die menschliche Zivilisation außerhalb von ihm verorten. Dergestalt rechtfertigt sich die exklusive Zurückführung zivilisatorischen Entwicklungen auf spezifische immanente Umstände, auf die der jeweiligen Kultur, die den Intellekt erst hervorbringt, anstatt auf die benannte Gesetzmäßigkeit der Natur. Die eigentliche Ursache für den zu bezeugenden technologischen Fortschritt, für den Anstieg des Wohlstandsniveaus wird in diesem Sinne vom adretten Kostüm der "Werte der Aufklärung" verschleiert. Vernunft und Rationalität erwirken den Schein eines kausalen Zusammenhangs mit dem Fortschritt. Sie offenbaren sich als Ideologie. 

 

Nicht ihnen ist jedoch in Wahrheit der rapide Fortschritt im technologischen und ökonomischen Bereich im Zuge der Aufklärung zu verdanken, der unser Leben bis heute prägt, sondern der Befreiung des wirtschaftlichen Verkehrs, der gesellschaftlichen Logistik, der menschlichen Triebkräfte aus dem Joch der Regulation. In dem Moment als der klassischen Domestikation den Garaus gemacht wurde, brachen die Dämme und es entluden sich über Jahrhunderte angestaute Potenzen von Um- und Mitwelt, die sämtliche maroden Äcker des gesellschaftlichen Lebens reich kultivierten. Niemand erahnte, geschweige denn rechnete mit einer derart florierenden Wirkung kontingenter Fluten: Auf keine Lehre oder Theorie fußte das sich etablierende neue System des "Kapitalismus". Keine Strömung, die sich durch Vernunft und Rationalität charakterisiert, hätte zu einer solch beispiellosen Ermöglichung von zufälligen Ausschlägen führen können. Genau daher rührt er aber, der temporeiche Fortschritt der Moderne im Hinblick auf Wohlstand und Technologie: aus der Abwesenheit von Kanälen, die Fluten aus Energien von Mit- und Umwelt in erwünschte Bahnen leiten, aus der unbeabsichtigten Wertschätzung für den Zufall, dem konstitutiven Faktor einer jeden Entwicklung materieller Wirklichkeit. Er ist es, der den kontinuierlichen Wandel, mag man ihn gutheißen oder nicht, determiniert. Dementsprechend steht auch heute schon fest, dass der Entwicklungsstand der Zivilisation in erwähnten Bereichen in ferner Zukunft unserem heutigen meilenweit überlegen sein wird; - nicht etwa, indem man Aberglauben und Irrationalität endgültig hinter sich lassen und in zielstrebiger Manier sich nur noch auf das wissenschaftliche Verfahren, auf teleologische Forschung besinnen wird (freilich wird der Mensch in seiner unverbesserliche Eitelkeit den Fortschritt genau darauf zurückführen), sondern aufgrund der Erweiterung des Zeithorizonts: je mehr Zeit zu Verfügung steht, desto größer wird der Raum, ergo die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten und Erfassen nutzbringender Zufälle. 

 

Ergänzung: Um Missverständnisse zu vermeiden, sei insbesondere mit Rücksicht auf inbrünstige Dissidenten der Moderne, die beim Lesen womöglich ein Befremden verspürten, nochmals erwähnt: der Fortschritt gilt nur im Hinblick auf Technologie und Vorhandensein des Wohlstands (auch nicht für die Form der Verteilung) als determiniert. Wer das erhabene Niveau bestimmter Bereiche der Kultur aus Epochen mit niedrigeren technologischen Entwicklungsstand mit dem heutigen vergleicht, der vermutet richtig: der Fortschritt des kulturellen Gesamtzusammenhangs steht bestenfalls in den Sternen.


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