Rückkunft der Lockdowns: Die Ideologie der Planmäßigkeit

Veröffentlicht am 16. November 2020 um 15:36

Die österreichische Regierung verkündete kürzlich den zweiten Corona-Lockdown zwecks Prävention gegen die Überbelastung des Gesundheitssystems. Damit distanzierte sie sich weiter von Herangehensweisen nicht weniger Nationen fernab, die die entstehenden Herausforderungen des Virus evident ohne gravierende Umwälzungen des kollektiven Lebensprozesses bewältigen.
 
Speziell in der westlichen Welt tendiert man allerorts zur großflächige Stilllegung der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Dabei war für jeden, der an einer nüchternen analytischen Betrachtung interessiert war, im Grunde bereits seit Anfang März klar ersichtlich, dass das Virus an sich nicht über das Potential verfügt eine Katastrophe herbeizuführen. Selbst heute noch, nachdem das paradoxe Prinzip der Argumentationsmuster über Monate hinweg in dreistester Manier den Logos unterlief und alle zu Verfügung stehenden empirischen Daten, nicht das man sie jetzt noch brauchen würde, die Falschheit der ursprünglichen Prognosen und demzufolge zwangsläufig auch des gesamten Krisenmanagements belegten, gibt es Stimmen, davon nicht zu wenige, die weiterhin für den kritiklosen Gehorsam gegenüber der Regierung und seinen Experten plädieren.
 
Versuchen wir das komplette gesellschaftspolitische Szenario in diesem "Corona-Jahr" nach rationalen Kriterien zu bewerten, uns bliebe nichts anderes übrig als dem zeitgenössischen Kollektiv den Verstand abzusprechen. Erst wenn wir die autistische Brille ablegen und uns der Gemengelage aus der Perspektive von Soziologen und Physiologen nähern, vermögen wir ein partielles Verständnis für die Entscheidungen und Stimmungslagen in ihm zu erlangen. Ohne große Schwierigkeiten lässt sich dergestalt das unheilschwangere Verhältnis von ökonomischen Motiven seitens der Übermittler der Botschaft der Krise und der Unmündigkeit seitens der Empfänger identifizieren. Doch erklärt sich das erfolgreiche Implementieren einer "neuen Normalität" damit bereits hinreichend?
 
Da sich zum einen die Ausbeutung kollektiver Unmündigkeit für alles andere als eine Neuheit unter der Sonne qualifiziert, zum anderen nicht wenige Nationen keinen Anlass sehen die Organisation des gesellschaftlichen Lebens neu zu Denken, beschleicht einem die Vermutung, dass sich entscheidende Erklärungen anderswo verbergen. Berufend auf diese Erkenntnis, inspizierte ich als geübter Spurensucher die Spannungsfelder zwischen staatlicher Verwaltung und Öffentlichkeit und nahm die Fährte der Prämisse dieser spezifischen Bewältigungspolitik auf. Nach nicht allzu langer Zeit manifestierten sich die Umrisse des charakteristischen Prinzips heutiger Politik vor meinen Augen: die den Motor der ökonomischen Interessen beherbergenden ideologischen Karosserie, die es Regierenden ermöglicht ohne schlechtes Gewissen und mit der Aura der Alternativlosigkeit die Bevölkerung geschmeidig auf den Weg zur Entsagung zu transportieren, währenddessen sie von derselben noch potentiell Beifall ernten.
 
Kein Zufall war es, dass sich gerade in der westlichen Welt diese bestimmte Methodologie behauptete und flächendeckend, abgesehen von ein paar Lichtpunkten, auf Verständnis stieß. Wir erleben in dieser geographischen Zone in den letzten Dekaden eine vom politisch-medialen Komplex forcierte eiserne Intensivierung der Übermittlung von Dichotomien nach moralischem Raster, die sich beharrlich in alle Winkel des arglosen Kollektivbewusstseins einnisten. Der durch die Verinnerlichung dieser dichotomen Beurteilungsschemata - namentlich von Gut und Böse, Links und Rechts, Moral und Unmoral, Menschenfreund und -feind, Antifaschist und Faschist - imaginierte Wucher des Frevels fungiert als Bedingung für den Anklang der Ideologie der Planmäßigkeit. In Zeiten wo sich an den Drehpunkten der politischen Szenarien kaum noch Material für ein genuines Feindbild konkretisiert, der Fanatismus des Guten und Richtigen jedoch weiter geschürt wird, beginnt das unbedarfte politisierte Kollektiv zwangsläufig das unverfügbare Geschehen, die Kontingenz als das zentrale Symptom des wuchernden Frevels zu begreifen. Die ontologischen Konstanten des Unrechts und Leids erlangen auf diese Weise eine identifizierbare Verantwortlichkeit, die es gilt auszumerzen. Nichts gegen das Virus, das Klima, die Ungleichheit zu unternehmen, die Kontingenz also walten zu lassen, hieße sich mit dem Frevel, dem Bösen, dem Rechten, dem Feind, der Unmoral, der Inhumanität gemein zu machen. Demgemäß konstituiert sich ein pflicht- und verantwortungsbewusster Dünkel, mit dem schließlich die intervenierende Planmäßigkeit begrüßt und eingefordert wird. Entgegen jeder evidenzbasierten Vernunft regrediert man derart im Glauben im Dienste des Fortschritts zu handeln gemächlich in eine von kybernetischen Mechanismen subsumierte Welt, in der dem öffentlichem Leben und dem wirtschaftlichen Verkehr das Netz der Linearität und Solidität übergeworfen wird.
 
Auf Nummer sicher zu gehen heißt in dieser schönen neuen Welt, jeden potentiellen Schaden der Intervention unwillkürlich den ausgeschriebenen edlen Ertrag unterzuordnen; der potentiell schadhaften Einwirkung (wie bspw. Corona, Klimawandel, Terrororganisationen, Rassismus, Sexismus etc.) den Riegel dergestalt vorzuschieben, indem man im Sinne des guten Zwecks keinen Aufwand scheut, alle möglichen Ressourcen unreflektiert in Bewegung setzt, bis man endlich bei einem natürlichen Prozess eines Systems intervenierte und Auswirkungen produziert, die sich potentiell verheerender gestalten als die von der Natur beglaubigten, die ohnehin meist bereits von den ökonomischen Kosten der Intervention an sich übertrumpft werden. Eine Rolle spielt solch ein typischer Ausgang selbstredend nicht, da die Motive des Handelns ehrbar waren und vermeintlich auf Empathie basierten. Die Intention triumphiert bei den pseudohumanistischen Anhängern der Planmäßigkeit über das Resultat - und zwar derart gewaltig, dass Letzteres vollkommen aus der kollektiven Wahrnehmung vernichtet wird. Der Schaden der Intervention kann hundertfach so groß sein als der in den schlimmsten Szenarien antizipierte der ursprünglichen Einwirkung; solange man sich gegen das etikettierte Böse, das Rechte, den Feind, die Unmoral, den Faschist, kurzum: gegen die Gefolgsleute der Kontingenz positioniert hat, kann das Handeln nur korrekt gewesen sein! In letzter Konsequenz werden empirische Zusammenhänge bedeutungslos. Dieser Logik begegnen wir an allen Ecken und Enden in der westlichen Welt. Sie ist das eigentlich relevante Virus, das die Prosperität von gesellschaftlichen Gefügen vehement verhindert. 

 


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