Joker (2019) - Eine Diskussion

Veröffentlicht am 5. November 2020 um 15:36

Keine geringe Aufmerksamkeit erregte die Neuinterpretation des Jokers nach Veröffentlichung in der breiten Öffentlichkeit. Todd Phillips, von dem man es nicht zwingend erwarten konnte, instrumentalisierte die Marke des Jokers, um ein Erzeugnis in die Massenkultur einzuschleusen, das durchgehend Gewitterwolken über sein Publikum zusammenbrechen ließ. Die dadurch ermöglichte aufregende Fremdartigkeit in den Augen der Masse legte den Grundstein für die hitzigen Debatten, die in privaten wie öffentlichen Räumen entbrannten. Auch ich ließ mir, hauptsächlich motiviert durch die in Printmedien elaborierte Schelte wegen "Gewaltverherrlichung", die eine oder andere Ansicht entlocken. Im Gegensatz zu anderen Freunden des Films, die diese Zuschreibung empört zurückwiesen, sie vielleicht gar als lächerlich einstuften, stoß ich mich allerdings bloß am Apriori der Bewertung: Die Frage, ob die Darstellung der Gewaltverherrlichung gut oder schlecht war, blieb aus.

 

Ich denke, die nachstehende Diskussion gibt Aufschluss darüber, wie ich sie beantworte. Darüber hinaus wird u.a. die Frage nach der Identität des Sujets, nach dem Echtheitsanspruch der Szenarien, der korrekten Methodik der Rezeption von Kunst, dem Grad der Radikalität verhandelt. Anlässlich der ohnehin schon relativ breiten Spannweite an Themengebieten, die im Bezugsrahmen des Films abgedeckt werden, erlaubte ich mir die Abschnitte meiner Diskussionspartner (in grau gehalten), die keine Relevanz haben für meine Erläuterungen, auszusortieren. Da, mal ganz unter uns gesprochen, ohnehin nur ich für die geistreichen Inhalte sorge, möchte man mir diese Entscheidung nachsehen.

 

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"Im Prinzip wurde schon alles zum Film geschrieben, "Joker" zeigt eindrucksvoll, unschön und radikal, wohin eine kapitalistische Gesellschaft mit mangelhaftem Arbeits- und Sozialsystem führen kann.

Zu den oft genannten Kritikpunkten zählt das Ausbuchstabieren des Mordes an Thomas und Martha Wayne, eine implizite Andeutung wäre viel schöner gewesen. Da bin ich anderer Meinung: das eindeutige Zeigen des Mordes fungiert wunderbar als inhaltliches und formales Ausdruckselement des Realitäts-Psychosen-Gefüges, mit nichts weiter als einer Andeutung hätte das weniger gut funktioniert. Arthur Fleck leidet unter Psychosen, die medikamentös behandelt werden, im Verlauf der Handlung werden in Gotham allerdings die Sozialleistungen gekürzt, sodass seine nun arbeitslose Psychiaterin ihm keine Medikamente mehr verschreiben kann. Infolgedessen verschlechtert sich sein Geisteszustand, Psychosen treten häufiger auf, in der ersten Filmhälfte werden die Psychosen noch durch Plottwists entlarvt, in der zweiten Hälfte verzichtet der Film allerdings darauf oder bessert gesagt: Es gelingt dem Film nicht mehr, zwischen der Realität und den Psychosen zu unterscheiden. Sowohl die Realität als auch die Psychosen werden von Todd Phillips gleich deutlich und ausbuchstabierend (in der Kritik: unsubtil) inszeniert, hätte er den Mord an den Waynes also nur implizit angedeutet, würde das dementsprechend eine inszenatorische Anomalie darstellen und deutlicher als Realität zu erkennen sein. Diese Mehrdeutigkeit in der zweiten Filmhälfte finde ich ziemlich faszinierend, es ist nie genau klar, ob Arthur Flecks Morde, die gesellschaftlichen Aufstände und Arthurs Wandel zum maskierten Rächer und Volkshelden tatsächlich geschehen oder nur seinem psychotischen Minderwertigkeitskomplex entspringen.

[...]

Der "The Killing Joke" referenzierende Dialog zwischen Arthur Fleck und der Psychotherapeutin in der Endszene des Films stellt sich als außergewöhnlich pointiertes Schlussbild heraus, welches nicht nur Arthur Flecks Geisteszustand und seine Entwicklung hin zum Joker resümiert, sondern darüberhinaus auch Bruce Waynes Geisteszustand und dessen Wandel hin zu Batman allumfassend skizziert bzw. vorankündigt. In der Szene fängt Arthur an zu lachen und die Therapeutin fragt, was so witzig sei. Arthur meint, ihm sei ein Witz eingefallen, den sie aber nicht verstehen würde. Darauf folgt ein Schnitt zu Bruce neben seinen toten Eltern, meiner Einschätzung nach kann hier also nur der Witz gemeint sein, den der Joker Batman in "The Killing Joke" erzählt. Den Witz kann eben nur jemand verstehen, der Traumatisches erlebt hat und psychisch so kaputt ist wie Arthur, zudem schwingt sich wie Arthur Fleck auch Bruce Wayne zu einem maskierten Rächer auf, der von der Bevölkerung gefeiert und nachgeahmt wird.

 


Analog zum Wandel von Arthur's Persönlichkeit wandelt sich auch der Charakter seines Lachens: Dieser Umstand offenbart sich eigentlich relativ plastisch in dieser Szene zum Schluss, wo das Lachen eben nicht mehr wie anfänglich als impulsive Neurose auftritt, die die Funktion hat sich mit unbehaglichen Situationen und latenten Demütigungen zu arrangieren, sondern als emanzipatorische Geste und Manifestation erlangter Autonomie. Ein Umstand, der in dieser speziellen Szene durch den Kontext der Psychotherapie, die abgebrochen werden muss, eine zusätzliche Betonung erfährt, da sie eben genau dieses Arrangement mit den unzumutbaren und repressiven Verhältnissen repräsentiert. Wir haben es hier also mit einem kohärenten und doppeldeutigen Zusammenspiel von stilistischen und narrativen Ausdruckselementen zu tun, ergo mit einem gehobenen Ausdrucksniveau, welches eben nicht vereinbar ist mit Szenen, die sich durch irgendeine billige Referenz begründen lassen. Letzteres hat, nebenbei bemerkt, auch mit Kunst nichts zu tun.

 

In dem Zusammenhang kann man dann auch gleich deine Eröffnungsthese objektiv verneinen. Der Verfall der Sozialindustrie als Symptom der gesellschaftlichen Erosion ist nicht die Ursache für Arthur's veranschaulichtes Jammertal, sondern, ganz im Gegenteil, verhält sich analog zu Arthur's emanzipatorischen Prozess, seiner Abkehr von der Rolle als Opfer, welches er eben zeitlebens war und nicht erst ab dem Zeitpunkt, wo das System zu erodieren beginnt. Deine These impliziert, dass Arthur bis dorthin ein bekömmliches Dasein geführt hat und im Besitz einer gesunden Psyche war. Natürlich wird uns hier aber von Beginn an eine gerädertes Individuum geschildert, das von sozialen Umständen nicht erst ab dem Zeitpunkt der Absetzung der Medikamente in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er wurde ja auch bereits als Kind misshandelt (unter anderem auch gerade wegen des Sozialsystems, nebenbei bemerkt). Wie lässt sich das, auch im Hinblick auf den Umstand, dass auch seine Mutter auf Medikamente angewiesen ist, mit deiner These vereinbaren? Nein: man müsste sie schon komplett umdrehen, sodass sie Sinn ergibt (ich habe den Film eigentlich nicht als systemkritisch erfahren, aber formuliere jetzt zwecks Veranschaulichung dennoch in deiner Manier): Hier wird unschön, eindrucksvoll und radikal das emanzipatorische Potential der Erosion eines funktionierenden Systems, welches das exemplarische Elend des Protagonisten produzierte, gezeigt. So wär's zumindest nicht falsch.

 


"Wie kann man Joker nicht als systemkritisch erfahren?"


Aufgrund des filmischen Augenmerks auf das individuelle Schicksal. Die Form des Films adressiert eigentlich den Makrokosmos, das System, sieht man von der erzählerischen Notwendigkeiten der Dichotomie zwischen Arm und Reich ab, kaum. Einzig durch Einstellungen, wo verkleidete Menschenmassen zu sehen sind, die sich in der zweiten Hälfte anhäufen, erlangt das vom System gebrandmarkte Allgemeine einen Ausdruck. Meines Erachtens rekurrieren aber selbst diese Momente auf Arthur, da sie analog zu seinem Entwicklungsprozess auftreten: in seiner Abkehr von der Rolle als Opfer kapert er den gesellschaftlichen Kontext zwecks Ergreifung des befreienden Steuers seiner eigenen Existenz. Die Mitwelt formiert sich nach seinem Maßstab. Ein wirklich verneinendes Sentiment wird hingegen nicht illustriert. Die Aussage: "ich bin unpolitisch" sollten wir diesbezüglich auch nicht einfach unter den Teppich kehren. Darüber hinaus rührt die Wirkungskraft der Schlüsselmomente des Films, ob die träumerische Sequenz nachdem er die Yuppies in der U-Bahn erschoss, die Tanzeinlage auf der Stiege, nachdem er seinen Ex-Arbeitskollegen ermordete, der letzte Dialog mit der Psychiaterin, nicht aus Subversion, sondern aus der Erbauung des Ichs, dem Erlangen von Autonomie. Die Darstellungsform dieser Momente adressiert den Zustand der Psyche, nicht den der Gesellschaft, oder: den des Individuellen, nicht des Allgemeinen.

 


"In Joker wird doch ganz klar versucht Arthur zu einem Menschen zu machen, statt zu einem Monster. Man stelle sich mal vor, dass er anderen psychische Probleme hätte, ein Pädophiler und Triebtäter wäre. Es ist also schon eine Leistung einen psychisch Kranken, der anfangs sog. "Schuldige" richtet und später auch sog. "Unschuldige", wobei man hier schon einschränkend sagen muss, dass es schizophrene Weltanschauung wäre, wenn man sich hier herausnimmt, der persönliche Richter über Leben und Tod sein zu dürfen.

Dass man "Joker" zugetan ist, funktioniert eben nur durch die subjektive Sicht des Arthur, der selbst gerne vergisst, dass er nicht normal ist. Der Moment wo er merkt, dass er völlig krank und kaputt ist, das ist als er die Krankenakte liest.

Aber selbst hier habe ich Kommentatoren erlebt, die das nicht wahrhaben wollten und Thomas Wayne - weil es in das subjektive erzeuge Vorurteilsbild - hineinpasst als Manipulator verurteilen, also quasi eine Verschwörung hineininterpretiert obwohl der Regisseur noch entgegensetzt und die Parallelen von Penny und Arthur aufzeigt - nämlich das Arthur denkt er hätte eine Beziehung mit der Nachbarin

[...]

Ich sehe "Joker" teilweise systemkritisch, denn teilweise ist es gerechfertig andererseits nicht, weshalb die Gewalt gegen das System genauso auf einem schmalen Grat zwischen Befreiung und Selbstjustiz wandert, wie eben auch in den berühmten Vorbilden "Die Räuber" oder "Fight Club" oder neuerdings "Haus des Geldes" die ihre Banküberfälle inzwischen als antikapitalistisch umdeuten."


Was wir als Zuseher unzweideutig bezeugen ist zunächst mal das kontinuierliche zugrunde richten eines Menschen durch einen infamen soziokulturellen Lebensraum. Gemächlich wird uns dieser Prozess vermittels einzelner Vorfälle, interaktive Praktiken und auch der Darstellung von Arthur's Körperlichkeit dargelegt. Auf diese Weise dringen wir behutsam vor in den leidvollen Kaninchenbau einer Existenz, dessen ganzes Ausmaß uns spätestens mit der Einsicht in die Krankenakte klar wird. Mich verwundert demnach, wie du es vor diesem Hintergrund schaffst das Gemeinwesen in ein humanes Licht zu rücken. Wie kannst du diese Betrachtungsweise rechtfertigen?

 

Ferner ist mir schleierhaft, wie du zu der Annahme gelangst, dass Arthur dazu neigt seine "psychische Krankheit" zu vergessen. Ungeachtet dessen, dass eine solche Formulierung durch die Erörterung seines Zustands problematisiert wird, suggeriert sein williges Kooperieren mit der Therapeutin, das Ersuchen um Tabletten, das mit sich tragen einer Visitenkarte, die buchstäblich sein abnormales Verhalten ausweist, sowie allgemein seine anfängliche Fügsamkeit doch das genaue Gegenteil. Demzufolge macht auch deine weitere Behauptung, die du in diesem Zusammenhang tätigst, nämlich die, dass Arthur sich seiner Krankheit erst dann bewusst wird als er die Krankenakte liest, keinen Sinn. Ein solcher wäre nur gegeben, wenn wir die These auf den Kopf stellen: im Lesen der Krankenakte merkt er endgültig, dass er nicht krank ist, sondern sein Verhalten eine verständliche Reaktion auf seine Lebensumstände ist. Das Ermorden der Mutter hinterher ist auch kein Resultat eines Wahns, sondern einer Konfrontation mit der Wirklichkeit, die ihm wohlgemerkt (vom "humanen" Gemeinwesen) vorenthalten wurde und er sich folglich erzwingen musste. Dieser Einblick in die Wirklichkeit ist ein Bestandteil seiner Entwicklung hin zu einem emanzipierten Individuum.

 

Auch stimmt es nicht, dass der Film aus der subjektiven Perspektive Arthur's schildert. Ja, er legt das Augenmerk auf sein Schicksal, bis auf wenige Ausnahmen, die als solche ausgewiesen werden (die Beziehungsszenen mit der Nachbarin), schildert er den Zustand des Protagonisten aber kontinuierlich aus der Außenperspektive, durch die wir eben einiges an infames Material bezeugen, das durch den rauen Mantel der Ästhetik auch hervorgehoben wird. Nicht die subjektive Perspektive ist die Bedingung der Möglichkeit für die Sympathie für Arthur, sondern die emanzipatorische Darstellung seines exaltierten Handelns, das auch nicht moralisch verurteilt wird. Ähnliches gilt, nebenbei bemerkt, auch für die Erzählung von Schiller, dessen Sprache sich primär durch das Heraufbeschwören emotionaler Energien kennzeichnet und zur Lebhaftigkeit anstiftet ohne wirklich jemals das Handeln der Charaktere auf moralischer Ebene zu verwerfen.

 

Eine kurze Ergänzung zwecks Klarstellung: Ja, es stimmt, man kann im Medium des Films eine Innenansicht auch ohne Egoperspektive schildern: Musterbeispiele dafür sind Filme wie The Haunting(1963) oder Images(1972). Eine eher seltene Gattung, nebenbei erwähnt, der naturgemäß nur Filme zugehörig sein können, in der die Gesamtheit der Ausdrücke im Zeichen des Surrealismus steht. Auch in Joker operiert man, wenn man uns aus der objektiven Außenperspektive einen konkreten Einblick in die Innenwelt Arthur's gewährt, notwendigerweise mit surrealen Mustern der Suggestion. Diese Methode begrenzt sich aber auf spezifische Segmente, die sich vom Rest der Konzeption abspalten und beurkundet sind als eine Irrealität. Dadurch unterscheidet er sich von eben genannten Filmen. 


"Arthur Fleck's Charakterzeichnung, die von ihm erlittenen Schicksalsschläge, seine Psychosen sowie seine Entwicklung hin zur Autonomie sind aber doch nahezu vollkommen Folgen systemischer und gesellschaftlicher Missstände, können davon meiner Einschätzung nach also nicht getrennt werden und sind somit automatisch ein Ausdruck der Systemkritik. Oder zumindest einer Systembeobachtung

[...]

Was meinst du damit? Dass Arthur behauptet, er sei unpolitisch, heißt an sich ja nichts. Seine späteren Taten wie zum Beispiel sein Statement in der Late-Night-Show oder der Mord am Show-Host sind klar politisch, die Taten seiner Nachahmer sind erst recht politisch und der Film "Joker" allgemein natürlich auch."

 


Da du den letzten Satz angehängt hast und also in Betracht ziehst, dass es sich auch nur um eine Beobachtung handeln könnte, gehe ich davon aus, dass du selbst gemerkt hast: aus einem gefolgerten Umstand geht noch keine Kritik hervor. Ungeachtet dessen, dass für das Vorhandensein dieses Umstands noch nicht mal eine (System-)Beobachtung nötig ist, impliziert der Begriff der Kritik eine Intention. Mit anderen Worten: die Ursache der Missstände muss durch die Sprache des Films berührt werden. Nur dann kann man von einem systemkritischen Film sprechen. Ansonsten wäre dieser das Instrument für die Systemkritik des Rezipienten.

Das Verständnis dieses Unterschieds ist von keiner geringen Wichtigkeit, weil es vorbeugt auf die Irrwege eigener Befindlichkeiten zu geraten und folglich das eigentliche Ausdrucksmuster des jeweiligen Films zu verfehlen. Im anderen Fall läuft man potentiell Gefahr künstlerische Erzeugnisse zwecks Erfüllung individueller Bedürfnisse auf bestimmte Weise zu kategorisieren. So ist auch ein Irrtum, wie der der Instrumentalisierung einer filmischen Anekdote für eine These (der Art wie sie bspw. Zizek betreibt), mag diese Methode (die mich an sich nicht stört) auch noch so erfolgreich zur verständigen Vermittlung derselben führen, tatsächlich was mit dem Film selbst zu tun hat, Tür und Tor geöffnet. Ein anderes Beispiel: In klassischen Hollywoodfilmen bezeugen wir bspw. allzu häufig den gesellschaftlichen Missstand einer kollektiven ungesunden Lebensweise in der Form ständigen Rauchens. Geht aus diesem Vorhandensein allein bereits eine System- oder Gesellschaftskritik hervor: Nein. Auch könnte ein Mediziner Aufnahmen eines bestimmten Films dieser Ära verwenden, um die damalige Beliebtheit des Rauchens zu illustrieren und in dem Zusammenhang die steigende Lungenkrebsrate anschaulich darlegen: Er übt Kritik am Rauchen, nicht der Film.

 

Um jetzt aber wieder Joker zu adressieren: Wenn du die eindringlichsten Taten von Arthur reflektierst, wirst du merken, dass die Darstellungsweise ihrer Wirkungen überwiegend den Status des Bewusstseins, des Individuellen adressiert: Nachdem Mord in der U-Bahn bezeugen wir in einer Innenansicht gemäßen illusorisch getönten Szene, wie sich, wenn das begehrte Objekt zielsicher und souverän beansprucht wird, Arthur's Gemüt erhebt und die Hüllen eines unterdrückten Wesens das erste mal fallen. Im Anschluss des zweiten Mords an seinem ehemaligen Arbeitskollegen erleben wir während der Flucht eine den Film kennzeichnende rauschhafte Tanzeinlage, in der sich - auch noch zusätzlich durch die musikalische Untermalung betont - beispielhaft ein Wesen veräußerlicht das nun endlich komplett entbunden ist von jeder psychologischen Bürde. Kurzum: Im Gesichtsfeld des Radikalen ist das Visier maßgeblich auf die Innenwelt ausgerichtet.

 

Was aus der Wirkung dieser Taten hingegen nicht hervorgeht, ist eine Aversion gegen und anschließende Verneinung der gesellschaftlichen Einrichtung. Diese wird viel mehr infolge einer durch den Wandel des Bewusstseins hervorgerufene autoritative Einbuße schnörkellos gekapert und wie die Fernsehshow für die eigenen Genugtuung instrumentalisiert. In der Abwesenheit eines achtenswerten Beweggrunds, in der intuitiven Ausübung der Autonomie auf den Rücken der Kräfte, die einem einst unterjochten, in dieser Schlichtheit liegt für mich primär die Radikalität des Films.

 

Im Gegensatz zu einer Figur wie Travis Bickle - und damit adressiere ich jetzt deinen zweiten Einwand - strebt dieser Joker eben keinen Austausch der gesellschaftlichen Organisation, des Systems an, hat kein politisches Ziel im Visier und agiert demnach auch nicht im Zeichen der Rechtmäßigkeit. Er ist, wie er sagt, unpolitisch. Warum sollten wir ihm das nicht glauben? Du wendest nun ein, dass seine Handlungen in ihrer Konsequenz politisch sind. Das mag sein, seine Motivation ist es aber eben nicht. (Die Quelle seines Unmuts sind auch keine gesellschaftspolitischen Zusammenhänge, sondern persönlich erfahrenes Unrecht) An der Stelle könnte ich jetzt den ersten Absatz nochmal wiederholen: Es stellt sich eben die Frage, ob die Ausdrucksweise des Films darüber hinaus das System wirklich in Frage stellt. Meines Erachtens ist der Drehpunkt der Wandel einer Persönlichkeit, um den die Möglichkeit einer Systemkritik rotiert. Der Film birgt dieses Potential und der Zuseher kann die entsprechenden Anstöße für seine Erfahrung verwerten. Ich würde die Frage also nicht verneinen wollen. Ihm aber gleich das Etikett Systemkritik anzustecken, halte ich für überzogen.

 


"Woran machst du das fest? In der ersten Hälfte ist es ja noch klar ersichtlich, welche Ereignisse der Realität und welche Arthurs Psychosen entspringen. In der zweiten Hälfte lässt sich das finde ich aber nicht mehr eindeutig sagen, insbesondere weil Arthur seine Medikamente nicht mehr nimmt und aufgrund des Hard Cuts von der Heldenverehrung auf der Straße hin zur abschließenden Therapiestunde in der geschlossenen Psychiatrie, bei der man sich fragt, wie und warum es dazu gekommen ist."


Naja, woran machst du fest, dass es sich um eine Innenperspektive handelt? Wie bereits erwähnt, sind die Innenansichten durch die ästhetische und narrative Verwertung als solche beurkundet. Sollte deine Mutmaßung zutreffend sein und es sich also um Hirngespinste handeln, müsste man in diesem Zusammenhang konstatieren, dass der Film mangelhaft konzipiert ist. Zum einen aufgrund des fehlenden Kontrasts der Form (der für die jeweilige Hälften entsprechenden Anmutung der Realität und des Wahns), zum anderen aufgrund der surrealen Tönung der Szenen der Zweisamkeit mit der Nachbarin, die man in diesem Fall konsequenterweise als einen stilistischen Fehlgriff werten müsste, vorausgesetzt man will nicht den kompletten Rest der zweiten Hälfte als solchen werten: Denn, wenn der ganze Abschnitt nach der Absetzung der Medikamente charakterisiert ist durch die Visualisierung der Psychose, entbehrt eine zusätzliche selektive Anmutungen des Irrealen jeden Sinn, solange sie keine Intensivierung der Psychose zum Grund hat.

 

Davon abgesehen verneint die Psychose als Gegenstand eine Kritik am System und bejaht dessen Affirmation. Eurer Logik nach ist die Erosion des Systems, die die Absetzung der Medikamente zur Folge hat, eine Verschlimmerung der Lage für Arthur, dessen Psyche nun komplett aus den Fugen gerät. Die Stabilität des Systems, die reibungslos funktionierende therapeutische Einrichtung hingegen eine Notwendigkeit für die Handhabung von Arthur's "Krankheit". Die tatsächliche potentiell radikale Systemkritik, die u.a. darin besteht, dass generell die Konstitution dieser Einrichtung als Repräsentant diskursiver Macht unterminiert wird, kann vor diesem Hintergrund natürlich nicht erkannt werden.

 


"Natürlich ist das wohl auch eine Systemkritik, aber wie das System ist und wie es wirkt ist von Arthur subjektiv beurteilt. Der Film hat nicht die Absicht eine Distanz zu erzwingen zwischen Zuschauer und Arthur. Millionenfach kann man die Wirkung davon sehen, weil die meisten Kommentatoren - die sonst psychopathische Terroristen nicht verstehen - Verständnis, ja sogar Mitleid haben. Ob Thomas Wayne böse und verdorben ist, das ist tatsächlich nur eine Interpretation aus den Augen des Protagonisten. Es ist nicht rein zufällig, dass wir die Dinge durch die Augen und durch die Gefühle des Protagonisten, ja sogar durch die Psyche des Protagonisten sehen.

Eindeutig sind die Dinge nicht.

 

Nicht das System ist die Ursache für die Problem Arthurs, sondern seine Mutter. Durch das was sie getan hat, wird erst alles ausgelöst. Das was ihm passiert, dass muss doch nicht allen passieren. Mobbingopfer verhalten sich wie Opfer und locken damit andere an - die sich gerne an Schwächeren vergreifen weil sie ebenso Unterdrückte sind. Mobbingopfer haben ein Verhaltensmuster das besonders einlädt und bestimmte Type von Menschen anlockt. Wenn man dieses Muster nicht abspielt, dann lockt man diese Menschen auch nicht an. Ich habe selbst in meiner Jugend Phasen von Mobbing erlebt und habe sie bewältigt mit einer Verhaltensänderung und ich weiß durch meine Arbeit im sozialpädagogischen Bereich wie mit Mobbing umgegangen wird z.B. mit dem No-Blame-Approach, weil Opfer wie Täter, eigentlich sehr ähnlich sind und aus Schwäche handeln. Nicht missverstehen: Ich rechtfertige kein Mobbing, ich helfe Mobbingopfern aus ihrer Opferrolle herauszukommen.

Von daher ist das was Arthur erlebt schlimm, aber er ist ein Sonderfall. Er hat eine instabile Persönlichkeit, instabiles Selbstbewusstsein, das merkt man ja in jedem Moment am Anfang.

 

Was man objektiv dem System anlasten kann ist dass sie seine Therapie und Medikamente eingespart haben"

 

[Zitat]Die Stabilität des Systems, die reibungslos funktionierende therapeutische Einrichtung hingegen eine Notwendigkeit für die Handhabung von Arthur's "Krankheit".[Zitatende]

Genau. Was im aktuell bestehenden System eben nicht möglich ist. Deswegen Systemkritik. Durch eine Verbesserung des Sozialsystems würde oder könnte das dagegen gelingen.

 

Ansonsten stimme ich dem zu, was "Inkognito" danach schrieb.

 


Klar stimmst du einen Beitrag zu, der anstatt den Film zu reflektieren auf ein Weltverständnis (bedingt durch die Identität als pädagogischer Akteur) rekurriert mit dem auch du sympathisierst. Leider haben aber Theoreme, die einem in der Ausbildung zum Pädagogen vermittelten werden, nichts mit der eigentlichen Darstellungsform des Films zu tun. Man muss wahrlich über keine Begabung verfügen, um zu erkennen, dass in dieser Diskussion nur einer seine Argumentationen aus den filmischen Kosmos schöpft. Es wirkt gar beinahe unverschämt, wie er die meinen, die sich fleißig an der Sprache des Films orientieren, auf plumpe Weise mit Lehrmeinungen institutioneller Einrichtungen erwidert. Tatsächlich aber ist eine solche Herangehensweise, dieses chronische Absehen vom Gegenstand der Diskussion primär bedingt durch die Falschheit seiner Betrachtungsweise. Nehmen wir doch seinen letzten Beitrag, mit dem du übereinstimmst, kurz unter die Lupe: "Natürlich ist das wohl auch eine Systemkritik, aber wie das System ist und wie es wirkt ist von Arthur subjektiv beurteilt"

Eine unbegründete Konstatierung fußend auf subjektive Befindlichkeiten, die ich, nebenbei bemerkt, bereits widerlegte: Der Film schildert bis auf wenige Ausnahmen aus der Außenansicht. Die Innenansichten spalten sich durch die surrealen Muster der Suggestion ab vom restlichen Darstellungskosmos. Inwiefern wird uns hier also generell eine subjektive Beurteilung durch Arthur auseinandergesetzt? Würde mich interessieren. Hat er sich den gewaltsamen Übergriff zu Beginn, die Infamie der Mutter im Bus und seines Arbeitskollegen, die Verspottung durch DeNiro's Charakter etc. alles nur eingebildet? Falls ja: wie gelangst du zu dieser Ansicht? Falls nein: warum inkludiert man dieses narrative Schema der Degradation dann überhaupt? Fragen, die von ihm, weil sie seine Deutung als falsch entlarven würden, nicht beantwortet werden können.

 


"Der Film hat nicht die Absicht eine Distanz zu erzwingen zwischen Zuschauer und Arthur. Millionenfach kann man die Wirkung davon sehen, weil die meisten Kommentatoren - die sonst psychopathische Terroristen nicht verstehen - Verständnis, ja sogar Mitleid haben."

 


Der zweite Satz, der als Begründung suggeriert wird, verweist bloß auf eine Korrelation. Ja: eine "Distanz" zwischen Zuschauer und Arthur ist nicht beabsichtigt. Immerhin ist ja auch der ganze Film auf sein individuelles Schicksal fokussiert (ein Umstand, den ich selbst relativ ausführlich zum Thema machte). Und ja: Zuseher, auch die von dir beschriebenen, sympathisieren mit Arthur. Unabhängig davon, dass es sich hier um einen Strohmann handelt, entsteht aus dieser Korrelation aber noch kein kausaler Zusammenhang. Wer davon überzeugt ist, denkt, mit Verlaub, etwas unüberlegt. Hawk's Scarface, Noe's Menschenfeind, Taxi Driver, man könnte auf unzählige nur allzu bekannte Beispiele verweisen, die belegen, dass fehlende Distanz kein Garant ist für eine flächendeckende Sympathie. Nicht selten ist dieses Fehlen sogar Mittel um Protagonisten vor den Zuschauern zu diskreditieren. Keine haltbare These also - und zwar offenkundig. Womit ist sie aber dann zu erklären, diese flächendeckende Sympathie? Nun, womöglich auf eine Art, die sich duelliert mit eurer "Deutung" (die man ohnehin besser als Projektion identitärer Bedürfnisse begreift): das gewaltsame Handeln Arthur's wird vom Duktus des Films nicht nur nicht schlecht beleumundet, sondern auch in ein emanzipatorisch anmutendes Licht gerückt. Die ganze Chronik der Darstellung beschwört unbewusste Segmente der Seelenleben seiner Zuschauer an die Oberfläche, bugsiert sie als erfahrbares Gefühl ins Bewusstsein: Hier wird der Protagonist intuitiv verstanden, meist sich mit ihm identifiziert und sein Handeln auf emotionaler Ebene bejaht, nicht sich in Mitleid geübt, im Sinne von: wie arm, der Arthur, wie psychisch krank er ist *lach*. Das ist der Grund.


"Es ist nicht rein zufällig, dass wir die Dinge durch die Augen und durch die Gefühle des Protagonisten, ja sogar durch die Psyche des Protagonisten sehen."

 


Immerhin beziehst du dich hier mal grob auf den Film. Natürlich sind diese Momente kein Zufall. In Ihnen wird der jeweilige Status des Bewusstseins und werden Regungen des emotionalen Innenlebens konkretisiert. Deshalb unterscheiden sich die illusorischen Szenen auch in ihrer Typizität. Die erste, wo er sich im Publikum der Comedy-Show befindet, steht noch im Zeichen der Fügsamkeit, der Domestikation; später sind sie durch Selbstbestimmung und Seligkeit charakterisiert. Ob in diesem Film überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt eine Psychose veranschaulicht wird, ist übrigens - und da formuliere ich jetzt schon ziemlich gnädig - mindestens fragwürdig. Um sich dafür zu qualifizieren, fehlt die Illustration der Wechselwirkung zwischen Wahn und Realität. Die Momente, auf die du dich beziehst, sind abgeschottet von der fundamentalen Dimension der Darstellung und operieren als in sich geschlossene Gebilde. Man könnte sie im günstigsten Fall als Phantasien bezeichnen. Sie fallen in die gleiche Kategorie wie manch Szenen aus Teeniefilmen, wo Sex veranschaulicht wird, der in Wirklichkeit nicht stattfindet: es werden eben Zustände des Bewusstseins, Regungen des Innenlebens konkretisiert. Die Beschaffenheit solcher surrealen Momente unterscheidet sich komplett zu der in visualisierten Psychosen, wie bspw. mustergültig demonstriert in Repulsion oder Martha Marcy May Marlene.

 

Die eigentliche Frage, die im Bezugsrahmen deiner These auf der Hand liegt, ist folgende: warum erfahren wir über 90% des Geschehens nicht durch die Augen und Psyche des Protagonisten? Warum sollte aus ein paar Momenten, die uns einen Einblick in ein Innenleben gewähren, Psychose hin oder her, eine allgemeine Innenansicht hervorgehen? Wenn das für alle Filme mit diesem Merkmal gelten soll, ist also gefühlt jeder dritte Film potentiell eine totale Irrealität und folglich alles dargestellte relativ. Findest du das nicht etwas albern und bodenlos? Wäre es da nicht vernünftiger sich an meiner Klarlegung zu orientieren?

 


"Nicht das System ist die Ursache für die Problem Arthurs, sondern seine Mutter. Durch das was sie getan hat, wird erst alles ausgelöst. Das was ihm passiert, dass muss doch nicht allen passieren. Mobbingopfer verhalten sich wie Opfer und locken damit andere an - die sich gerne an Schwächeren vergreifen weil sie ebenso Unterdrückte sind. Mobbingopfer haben ein Verhaltensmuster das besonders einlädt und bestimmte Type von Menschen anlockt. Wenn man dieses Muster nicht abspielt, dann lockt man diese Menschen auch nicht an. Ich habe selbst in meiner Jugend Phasen von Mobbing erlebt und habe sie bewältigt mit einer Verhaltensänderung und ich weiß durch meine Arbeit im sozialpädagogischen Bereich wie mit Mobbing umgegangen wird z.B. mit dem No-Blame-Approach, weil Opfer wie Täter, eigentlich sehr ähnlich sind und aus Schwäche handeln. Nicht missverstehen: Ich rechtfertige kein Mobbing, ich helfe Mobbingopfern aus ihrer Opferrolle herauszukommen

[...]

Ob Thomas Wayne böse und verdorben ist, das ist tatsächlich nur eine Interpretation aus den Augen des Protagonisten."

 


Thomas Wayne ist in diesem Film nicht mehr als eine Randerscheinung, nicht mehr als eine die Oberschicht stellvertretende zusätzliche Verkörperung einer infamen sozialen Umgebung. Als böse und verdorben können wir ihn nicht klassifizieren, weil seine Rolle zu klein ist. Was wir aber sowohl durch seinen allgemeinen Habitus als auch durch das Gespräch mit Arthur objektiv bezeugen, ist eine kaltherzige Wesensart. Willst du das etwa bestreiten? Stand er denn Arthur's umgänglichen Äußerungen nicht indifferent gegenüber, legte er keinen despektierlichen Gestus an den Tag, nahm die Interaktion kein rüdes Ende? Aber wer weiß, vielleicht hat sich Arthur das alles eingebildet, nicht wahr? Es wäre ja nicht so, dass es sich bei diesem Ausdruck der Infamie um einen Aspekt eines wesentlichen Schemas des Films handelt *augenroll*. Falls wir dennoch die Illustration der Auseinandersetzung als eine Interpretation Arthur's werten, frag ich mich, warum der Umstand der Adoption, der von Wayne kundgetan wird, sich als Faktizität herausstellt? Wobei: vielleicht ist die spätere Bestätigung dessen und der Einblick in die Krankenakte auch nur eine Interpretation, Psychose etc., nicht wahr? Wenn dem so ist, stellt sich nun aber die Frage, warum die Mutter für Arthur's Ungemach verantwortlich sein soll.

 

Man muss es sich mal auf der Zunge zergehen lassen: da euer Verständnis des Films ansonsten keinen Sinn ergibt, behauptet ihr ohne Anhaltspunkte, dass jede Szene potentiell eine Visualisierung einer Psychose oder zumindest eine bloße Interpretation Arthur's ist, mit natürlich der einen Ausnahme: die Augenblicke, die Übeltaten der Mutter ausweisen oder andeuten. Die entsprechen selbstverständlich der Wirklichkeit :) . Und warum das alles? Weil nur auf diese Weise die eigene Identität als pädagogischer Akteur Zuspruch erfährt und bekräftigt werden kann. Vermutlich ist dieses unbewusste Motiv auch der Grund, warum abstruser Weise komplett übersehen wird, dass die radikalen Taten nach einem rationalen Raster erfolgen und absolut jedes Anzeichen eines wahnhaften Handelns vermissen lassen: Von den Yuppies in der U-Bahn wird er überfallen, seinen Ex-Arbeitskollegen ermordet er im Bewusstsein seiner Schuld hinsichtlich der Kündigung, seine Mutter ermordet er, nachdem er die Krankenakte liest, den Showmaster ermordet er in Folge der öffentlichen Degradation durch ihn. Nun erklärt mir bitte, warum man, sollte der Gegenstand des Films eine "psychische Krankheit" sein, keine Konfusion oder Willkür, keine Irrationalität des Handelns schildert? Es bleibt einem nichts anderes übrig als zu konstatieren: Bereits die aller offensichtlichsten Gegebenheiten weisen eure These, so traurig es auch sein mag, als hirnrissig aus.

 


"Nicht das System ist die Ursache für die Problem Arthurs, sondern seine Mutter. Durch das was sie getan hat, wird erst alles ausgelöst. Das was ihm passiert, dass muss doch nicht allen passieren. Mobbingopfer verhalten sich wie Opfer und locken damit andere an - die sich gerne an Schwächeren vergreifen weil sie ebenso Unterdrückte sind. Mobbingopfer haben ein Verhaltensmuster das besonders einlädt und bestimmte Type von Menschen anlockt. Wenn man dieses Muster nicht abspielt, dann lockt man diese Menschen auch nicht an. Ich habe selbst in meiner Jugend Phasen von Mobbing erlebt und habe sie bewältigt mit einer Verhaltensänderung und ich weiß durch meine Arbeit im sozialpädagogischen Bereich wie mit Mobbing umgegangen wird z.B. mit dem No-Blame-Approach, weil Opfer wie Täter, eigentlich sehr ähnlich sind und aus Schwäche handeln. Nicht missverstehen: Ich rechtfertige kein Mobbing, ich helfe Mobbingopfern aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Von daher ist das was Arthur erlebt schlimm, aber er ist ein Sonderfall. Er hat eine instabile Persönlichkeit, instabiles Selbstbewusstsein, das merkt man ja in jedem Moment am Anfang. Er weiß nicht, dass nichts kann und was er kann weiß er auch nicht. Da ist null Selbstbewusstsein. Und ohne Selbstbewusstsein durchs Leben zu gehen ist hardcore."

 


Mir ist, wie bereits angedeutet, völlig klar, dass du dir die pädagogische Doktrine liberaler Prägung ins Bewusstsein eingeschrieben hast. Bedauerlich, aber meinetwegen. Wir können gerne einmal bei einer Tasse Kaffee über deine diesbezüglichen Ansichten debattieren. Hier, wo der Anlass ein künstlerisches Erzeugnis ist, sollten wir uns aber schon damit befassen und nicht in absurder Manier versuchen Erklärungen aus externe Quellen zu ziehen. Wer so verfährt, kann auch gleich nur die Inhaltsangabe lesen und spezifische Phänomene der Handlung nach dem Raster einer ihm konformen Weltanschauung interpretieren. Wozu sich überhaupt noch auseinandersetzen mit der Darstellungsweise? Warum sie nicht völlig außen vor lassen und deklamieren die Mutter sei der Dreh- und Angelpunkt von Arthur's Ungemach, obwohl weder von der narrativen Struktur noch von stilistischen Ausdrucksmittel ein Schlaglicht auf ihre Person geworfen wird? Warum nicht einfach Theorien, die mir in der Ausbildung zum Pädagogen vermittelt wurden, auf ein autonomes Erzeugnis projizieren?

 

Ich verstehe ja, dass man gerne Anstrengung vermeidet und es äußerst bequem und erbauend ist sich frei nach Belieben eine Bedeutung zu konstruieren, die dem eigenen Weltbild schmeichelt. Nur sollte man dabei nicht verleugnen, dass man nichts weiter tut als sich um des Vergnügens willen ausschließlich auf Aspekte bezieht, die über eine konkrete Struktur verfügen, während man die mit abstrakter Struktur außen vor lässt

 

Bei "Gebildeten" sind das nicht selten informelle Komplexe aus schriftlichen Quellen. Wozu sich eben für eine Zeit abwenden von unterkomplexen Denkmustern, wozu das Bewusstsein erweitern, wozu fremde Landschaften des Seins erforschen, wenn ich mit Hilfe von Kant's kategorischen Imperativ das Handeln von Arthur als unmoralisch einordnen kann; wenn das Gesetzbuch doch bereits definiert, was sein darf und was nicht; wenn ich in der Ausbildung zum Pädagogen genau gelernt habe, wie ich Formen des Verhaltens einzuordnen habe? Unwillkürlich orientiert man sich mit dieser unbewussten Logik an externe Quellen und verdinglicht u.a. die Wirkung und Erfahrung eines Kontinuums von Degradation zu einer Beglaubigung einer bereits verinnerlichten Theorie über die Mechanismen des Mobbings. Eine Summe an Inanspruchnahmen konkreten "Wissens" dieser Art bildet das Verständnis über das künstlerische Erzeugnis, verhindert sodann seine abstrakten Gegenstände gerecht zu werden. In diesem Sinne versteht man auch die Mutter, obwohl sie uns nur als ein Glied in einer Kette von frevelhaften Einflüssen geschildert wird, als Dreh- und Angelpunkt der "psychischen Krankheit" und folglich des Films überhaupt. Darüber hinuas: das "mangelnde Selbstvertrauen" Arthur's, der ohne jegliches Talent daran glaubt eine Karriere als Comedian realisieren zu können ;), als die Ursache für die Infamie der soziokulturellen Umgebung. Wie könnte es auch anders sein? Die Auswahl der konkreten Quellen des Wissens ist begrenzt. Deshalb ignoriert man auch gern, dass, gemäß der eigenen Perspektive, sich die Psychose intensiviert, sobald selbstbewusster agiert wird. Ein weiterer Widerspruch.

 


"Gerade wegen dieses fehlenden Kontrasts in der zweiten Hälfte habe ich das so empfunden. In der ersten Hälfte, als Arthur Fleck seine Psychosen noch halbwegs unter Kontrolle hatte, konnte er bzw. konnte der Film noch zwischen Realität und Psychose unterscheiden. In der zweiten Hälfte, nach Absetzung der Medikamente und Verschlimmerung der Psychose, gelingt dies Arthur bzw. dem Film nicht mehr."

Du hast mich falsch verstanden. Es existiert kein Kontrast zwischen den Hälften, dem Vor und Nach der Absetzung, keine Dualität der Form, die gemäß deiner Betrachtungsweise vorhanden sein müsste. Zudem stimmt es nicht, dass der Film in der zweiten Hälfte nicht die Irrealität als solche ausweist. Wenn der Film zu Ende ist, weiß selbst das ungeübte Auge, das die Szene als sie stattfand nicht richtig deuten konnte, dass die Momente der Zweisamkeit mit der Nachbarin nicht in der Wirklichkeit verortet waren.

"Genau. Was im aktuell bestehenden System eben nicht möglich ist. Deswegen Systemkritik. Durch eine Verbesserung des Sozialsystems würde oder könnte das dagegen gelingen.


Inwiefern sollte dies nicht möglich sein? Es gibt aktuell und gab in der menschlichen Geschichte überhaupt nie ein System, in der es eine bessere Möglichkeit zur therapeutischen Betreuung gab als im westlichen Kapitalismus der Gegenwart. Auch hatte die ganze Seelsorgeindustrie nie einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert und einen besseren ökonomischen Status. Aktuell werden 25% der amerikanischen Bevölkerung alleine mit Psychopharmaka behandelt, - und ein weiterer üppiger Prozentsatz nimmt therapeutische Betreuung ohne Medikamente in Anspruch. Angesichts dieser Sachlage liegt eigentlich auf der Hand, dass die Quelle deines Verständnisses des Films ebenso nur eine verinnerlichte Ideologie, ein identitäres Bedürfnis sein kann, das von bestimmten Signalen aktiviert wird ohne sich um die Zusammenhänge zu kümmern: Therapie + erodierendes System + Stilllegung der Therapie = Kritik am Sozialwesen im Kapitalismus. Anstatt der Formsprache des Films beansprucht man hier die Werte des universitären Milieus. Sehr schade.

 

Gesetzt aber, der Film würde tatsächlich eine solche Kritik bereithalten: mit was für eine Verfehlung des Mediums hätten wir es zu tun? Mit einer höchsten Ranges. Für Vermittlungen solch im Seienden verhafteten profaner Sachverhalte unterhalten wir bereits den Journalismus oder den Plenarsaal im Parlament. Die Sprache der Kunst ist zu Höherem berufen.


"Gerade wegen dieses fehlenden Kontrasts in der zweiten Hälfte habe ich das so empfunden. In der ersten Hälfte, als Arthur Fleck seine Psychosen noch halbwegs unter Kontrolle hatte, konnte er bzw. konnte der Film noch zwischen Realität und Psychose unterscheiden. In der zweiten Hälfte, nach Absetzung der Medikamente und Verschlimmerung der Psychose, gelingt dies Arthur bzw. dem Film nicht mehr."

 


Du hast mich falsch verstanden. Es existiert kein Kontrast zwischen den Hälften, dem Vor und Nach der Absetzung, keine Dualität der Form, die gemäß deiner Betrachtungsweise vorhanden sein müsste.

Zudem stimmt es nicht, dass der Film in der zweiten Hälfte nicht die Irrealität als solche ausweist. Wenn der Film zu Ende ist, weiß selbst das ungeübte Auge, das die Szene als sie stattfand nicht richtig deuten konnte, dass die Momente der Zweisamkeit mit der Nachbarin nicht in der Wirklichkeit verortet waren.

 


"Ich habe mich intensiv mit deinem Kommentar auseinandergesetzt....."

 


Noch ausführlich antworten, obwohl du vermutlich beim Lesen meines letzten Beitrags keinen Sturzhelm auf hattest, spricht für deinen Charakter. Nichtsdestotrotz übergehst du meine bisherigen Argumente in diesem Thread systematisch und behandelst Punkte, als ob ich sie in meinen Beiträgen nicht bereits adressiert hätte.

Wir sind uns offenkundig einig: das filmische Augenmerk liegt auf Arthur's individuelles Schicksal. Als ich erklärt habe, warum ich persönlich den Film nicht als systemkritisch erfuhr, ging ich das erste und nicht das letzre Mal darauf ein. Leider versuchst du dennoch ein weiteres mal meinen untermauerten Standpunkt mit dem Hinweis auf dieses konzeptuelle Merkmal herauszufordern. Das funktioniert aber schon alleine deshalb nicht, weil du, im Gegensatz zu mir, nicht den Wert, die Bewandtnis dieses Merkmals versuchst zu ermitteln, sondern es einfach "anerkennst" und dich anschließend abermals auf externe Quellen berufst. Hier müssen wir zuerst ansetzen - die Frage: "was soll das eigentlich?" muss beantwortet werden - und zwar aus dem filmischen Kosmos heraus und nicht mit Bezugnahmen auf externe Theoreme, die einem die Erfahrung diktieren.

 

Ohne das Zusammenspiel der Ausdrucksmomente verstehen zu wollen, kann man unmöglich statthaft bestimmen, ob aus einer objektiven oder subjektiven Perspektive geschildert wird. Das gilt sowohl für den Film als auch für die Literatur. Die Identität der Perspektive geht nicht aus Bestimmungen betreffend der oberflächlichen Struktur hervor, wie eben die der grammatischen Person, sondern kristallisiert sich gemächlich durch die Ermittlung des Werts derselben heraus. Es kann eben sehr wohl auch aus der dritten Person eine Innenansicht geschildert werden. Demgemäß möchte ich deine postulierte Prämisse, die, dass man Apriori bestimmen muss aus welcher Perspektive geschildert wird, gleich zurückweisen. Solange kein hinreichender Grund besteht sie anzuzweifeln, sollte man den Kosmos der Darstellung eines erzählerischen Werks immer zunächst mal mit dem Verständnis einer objektiven Perspektive begegnen. Später, während des Sehens, durch den Prozess der Ermittlung des Werts des Vermittelten, kann sich diese Auslegung - und das geschieht ja dann auch relativ häufig - natürlich verändern.

 

In Joker besteht kein hinreichender Grund die objektive Perspektive anzuzweifeln. Aus Bequemlichkeit und Unwillen bereits Erläutertes dauernd zu wiederholen, werde ich nun nur Punkte, die du selbst aufgegriffen hast adressieren: Erstens, der Umstand, dass man abgekoppelte Innenansichten erfährt und diese auch als solche beurkundet sind, ist an sich, entgegen deiner Suggestion, ein Hinweis auf die Objektivität des Handlungsgeschehens jenseits dieser Dimension (darauf ging ich bereits explizit ein); Zweitens, der Wert der Fokussierung auf den Protagonisten: die Erfahrung und Wirkung eines Kontinuums von Degradation und der damit im Zusammenhang stehende individuelle Entwicklungsprozess, der Wandel einer Persönlichkeit konstituiert sich aus dem objektiv bestimmbaren Schema der Darstellung eines antagonistischen soziokulturellen Umfelds (auf die ich beständig in diesem Thread hinwies), das ohne Anspruch auf Objektivität nicht vermittelbar ist.

 

Diese zentralen Punkte habe ich bereits abgehandelt. Du hast sie nicht mal versucht zu widerlegen, sondern einmal mehr einen externen Komplex inkludiert, auf dem deine These der Relativität des Dargestellten nun wie ein seidener Faden hängt. Du unternimmst immerhin einen Versuch durch eine Aufzählung, die beweisen soll, dass der Fokus auf Arthur liegt. Diesen Umstand habe ich aber eben selbst nicht bloß einmal explizit hervorgehoben. Ich verstehe nach wie vor nicht inwiefern er deiner These nützlich ist? Bist du auch der Ansicht, dass in Taxi Driver, nur weil hier ebenso eine totale Fokussierung auf den Protagonisten besteht, möglicherweise alle Geschehnisse bloße Interpretationen oder Einbildungen sind? Ich kann mich nur wiederholen: die Illustration einer Innenansicht ist nicht abhängig von einer bestimmten Erzählperspektive. Ungeachtet dessen, macht der dargestellte Mord der Wayne's deiner Beweisführung einen Strich durch die Rechnung.

 

Bevor ich jetzt noch auf bestimmte Fragmente deines Beitrags eingehen werde, möchte ich festhalten, dass es nicht das Verständnis einer dargestellten subjektiven Perspektive ist, das mir sauer aufstößt, sondern der Umstand, dass es die Bedingung der Möglichkeit ist für eure Blindheit gegenüber des als heilsam dargestellten Wandels einer Persönlichkeit. Das bestimmte Verständnis an sich duelliert sich nämlich noch nicht mal mit dieser objektiv vermittelten Qualität des Wandels. Leider verwertet ihr es aber für die (für eure Identität) kleidsame Deutung einer sich verschärfenden, aus den Fugen laufenden psychischen Krankheit, die sowohl über das Individuum wie das Allgemeine den Schleier des Verderbens legt. Angesichts der tatsächlichen Darstellungsweise, der eben heilsamen Konnotation der Veränderung und des Wandels, ist diese derart absurd, sodass man notwendigerweise das komplette Geschehen der Handlung ins Reich der Relativität überführen muss. Nur so kann man u.a. auch die Motive der Degradation und Emanzipation übersehen. Es ist eure einzige Chance.


"Diese Unklarheit der Erzählperspektive ist aber auch ein Vorteil des Mediums Film um Deutungsoffenheit zu ermöglichen"

 


Deutungsoffenheit im Bezugsrahmen der Kunst ist ein weit verbreiteter Mythos postmodernen Denkens. Zweckmäßige Erzeugnisse, ganz gleich welcher Art, sind notwendigerweise begrenzt in ihren Möglichkeiten zur Deutung: Ihre immanenten Eigenschaften formieren sich durch bewusste Entscheidungen und nicht durch Zufall und Wahrscheinlichkeit wie Wolken im Himmel oder der Kaffeesatz in der Tasse. Im Gegensatz zu diesen deutungsoffenen Phänomenen, fußt die Existenz und die Anordnung der Elemente der Betrachtung in der Kunst auf expressive Beweggründe, selbst wenn es sich bloß um Regungen des Temperaments handelt. Mit anderen Worten: es konstituiert sich eine Sprache. Gesetzt, das der Gegenstand der Kunst im Gegensatz zur Politik das Abstrakte und nicht das Konkrete ist, ist die immanente Vermittlung notwendig charakterisiert durch Nuancen von Uneindeutigkeit. Darin unterscheidet sie sich von anderen zweckmäßigen Erzeugnissen, wie bspw. Werbeplakaten oder Reden im Bundestag. Da deren Gegenstand das Konkrete ist, entsteht nicht die Anmutung offen zu sein für Interpretationen.


"Wenn ich die Szene im Bus von 10 verschiedenen Zuschauern kommentieren lassen würde, kämen sehr unterschiedliche Aussagen heraus."

 


Nicht wenn alle 10 ihren identitären Bedürfnissen eine Absage erteilen und von ihrer Person absehen. Die Deutungen würden in diesem Fall auch nicht identisch ausfallen, aber sie würden sich nicht gleich unserer befehden.


"Danke für dieses wertvolle Beispiel. Ich "glaube" nicht, dass sich das Arthur eingebildet hat, da fehlt der Anhaltspunkt."

 


Tatsächlich. Da würde mich jetzt natürlich interessieren, inwiefern sich dieses illustrierte Zerwürfnis von anderen Momenten des Films unterscheidet? Was sind bspw. die Anhaltspunkte dafür, dass der Übergriff zu Beginn nicht der Realität entspricht; was die Anhaltspunkte dafür, dass die Infamie der Mutter im Bus nur der Interpretation Arthur's entspringt; was die Anhaltspunkte dafür, dass sein Arbeitskollege ihm nicht wirklich die Waffe verkaufte; was die Anhaltspunkte dafür, dass der Host der Show ihm nicht öffentlich verschmähte; was die Anhaltspunkte dafür, dass ...... (füge ein beliebiges Szenario des Films ein)

 


"Nicht nur diese Situation, sondern auch die Gesellschaft in "Joker" wird nicht differenziert dargestellt, nur soviel wie es eine Karikatur zulässt. Ich behaupte deshalb gerne, dass "Joker" kein Comic mehr ist sondern eine Karikatur. Ein Comic wie "Batman" differenziert überhaupt nicht nicht fein, da geht es nur um den Dualismus schwarz-weiß, gut und böse, "Joker" hingegen differenziert in schwarz-grau-weiß, aber es ist grob, weshalb ich es Karikatur nenne. Eine Karikatur ist per Wortbedeutung "Überladen" bzw. "Übertrieben. Das ist genau der Punkt wo die Kritiker recht haben, wenn sie sagen, dass das alles "plakativ" ist, nur ist es hier nicht ein Negativaspekt, denn nur deshalb wird der sarkastisch-übertriebene Blick auf die Gesellschaft möglich. Die Karikatur ist eine eigene nicht grundsätzlich wenig intelligente kunstvolle Darstellungsform."

 


Der Film ist weder ein Comic noch eine Karikatur. Ein Comic ist zunächst einmal nur das Quellenmaterial (dessen Inhalte übrigens völlig irrelevant sind). Und was du hier als Karikatur fassen möchtest, resultiert aus dem Kriterium der Relevanz: ein Künstler selektiert bestimmte Aspekte der Wirklichkeit, die sich instrumentalisieren lassen für die Vermittlung intendierter Inhalte. Bezeichnest du auch die Venus von Willendorf als Karikatur, weil sie kein Gesicht hat und ihre Geschlechtsmerkmale betont werden? Vermutlich. Dabei werden einfach nur Aspekte der Wirklichkeit nach der Maßgabe des intendierten Inhalts selektiert und ausgelassen. Die Illustration der Wiege des Lebens ist der Grund. Joker operiert natürlich nach der gleichen Logik, nur dass er andere Inhalte vermittelt. Mit einer Karikatur hat das, was wir in diesem Film bezeugen, überhaupt nichts zu tun. Auch hier wäre ratsam sich zunächst einmal mit dem Erzeugnis selbst auseinanderzusetzen, sich die Frage nach dem Warum anhand desselben zu erschließen, bevor man auf Begriffe ausweicht, die einem das Verständnis diktieren. Wer sich aber auf das subjektive Empfinden beruft, der fühlt sich natürlich nicht genötigt dies zu tun.

 


"Hier bin ich dann der Meinung von Glorreicher Halunke, dass das Handeln hier - zwar nicht wahnhaft in seiner Intention ist - aber irrational in seiner Intensivität. Aus Notwehr wird Mordlust, wenn er nochmal das Magazin auf die Yuppies leer ballert, weil er sichtlich Spaß an seinem Emanzipation gewonnen hat. Wo man hier noch entfernt den Affekt erkennen kann aufgrund der Emanzipation und überwinden Hemmschwelle zum Töten, muss man bei seinem Kollegen, seiner Mutter, dem Showmaster und den Pfleger und Ärzten in der Psychiatrie, die er piesackt und über den Gang jagt, deutlich sagen, dass es das Handeln aus der weltanschaulichen Orientierung eines Schizophrenen ist. Ich habe dazu sogar einen Fragenkatalog gelesen, der die Moral von Schizophrenen untersucht, wobei deutlich herausgestrichen wird, dass diese (1) Selbstjustiz gutheißen und sich als Richter über Leben und Tod sehen und (2) ihre Urteile und Vollstreckung nicht proportional zur Schwere der Tat einer Person sind über die sie richten."


Du merkst es, oder? Du deutest Aspekte des Films schon wieder, indem du dich an externen Informationen orientierst. Das Handeln des Protagonisten wird aber einzig allein durch die Sprache des Film selbst bewertet! Es ist bedauerlich, wie ich bei dir andauernd diese Verfahrensweise beobachte: Nachdem du kompatible Motive ausfindig gemacht hast, subsumierst du gemäß deines persönlichen Befindens den filmischen Kosmos unter durch unterschiedliche externe Quellen erlangte Theorien - das ist (nicht nur) deine Methode. Du schöpfst aus einem Fundus Tausender Möglichkeiten zur Interpretation, ohne dass auch nur eine davon wirklich was mit dem entsprechenden Erzeugnis zu tun hat.

 

Wer weiß, *ironie on* vielleicht geht es in Joker um die schädliche Wirkung des Fernsehens. Ich habe kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen einen Gastbeitrag eines Arztes gelesen, der darauf hingewiesen hat, dass durchs Fernsehen das Aggressionspotential gesteigert wird. Denken wir an die erste Halluzination. Wann tritt sie auf? Genau! - unterm Fernsehen. Was geschieht im weiteren Verlauf? Nachdem er die Yuppies erschoss, radikalisieren sich die Massen, weil die Nachrichtenagenturen im Fernsehen darüber berichten. Die Leute beginnen mit Clownmasken durch die Gegend zu laufen: eine Illustration einer kollektiven Massenschizophrenie - ausgelöst durchs Fernsehen! Folgerichtig schildert der Film die Entladung des angehäuften Agressionspotentials, indem er sie dem Urheber selbst einverleibt. Genial. Arthur erschießt den Fernsehhost und alle Dämme brechen. *ironie off* Sehr bequem so zu verfahren. Das ist wohl der Reiz daran.


"Arthur Fleck jedoch als nicht irrational zu deuten, weil er ja Gründe für seine Tat hat?? Mord bleibt Mord. Welcher Mensch kann schon einen Mord aus Rache als vertretbar hinstellen?"


Es liegt nicht im Aufgabenbereich der Moral zu bestimmen, ob eine Handlung irrational ist oder nicht. Selbstverständlich kann man auf rationaler Basis moralisch "ungerechtfertigt" handeln. Die instinktive Negation dieser Möglichkeit zeugt bereits von einer Verinnerlichung idealistischer Prinzipien zur Aufrechterhaltung bestehender Strukturen der Macht: nicht mehr der bloße Wille zur Einhaltung des Rechts bedingt die individuelle Moralvorstellung, sondern eine metaphysische Dichotomie zwischen gutem und schlechtem Handeln, für die materielle Bewertungskriterien wie Kosten und Nutzen, Aufwand und Ertrag überflüssig geworden sind. Der Akt des Mords fällt sodann per Definition, ganz unabhängig vom Resultat (einer möglichen Rentabilität welcher Art auch immer), genauso wie der des Diebstahls oder der ....... (man füge frei nach Belieben eine Straftat ein) in die Sparte des illegitimen Handelns ohne ihn am Recht prüfen zu müssen, heißt, ohne die materiellen Bedingungen zu Erkennen, ohne den bloßen Verbot souveräner Macht wahrzunehmen, die ein positives Resultat der Handlung an sich nicht ausschließt.

 

Falls die Erläuterung zu obskur war: ein Mord aus Habgier mag sowohl gemäß deiner und meiner individuellen Moral als auch gemäß der universell gültigen von staatlichen Organen durchgesetzten Moral unzulässig ein, irrational ist die Tat dadurch aber noch lange nicht. Die Ehefrau, die ihren Mann vergiftet, um seine Lebensversicherung ausbezahlt zu bekommen, die alles genau durch kalkuliert und planmäßig vorgeht, handelt am Leitfaden der Vernunft zwecks Erreichens eines Ziels (monetäre Bereicherung). Mit anderen Worten: sie handelt rational. Das selbe gilt natürlich potentiell auch für Mord aus Rache. In diesem Fall wird bloß ein anderes Ziel verfolgt. Auch ein Mörder, der bewusst in Kauf nimmt gefasst zu werden oder dieser Möglichkeit indifferent gegenübersteht, kann rational handeln.

 

Geschenkt, dass man bezüglich Arthur's Handeln unterschiedlicher Meinung sein kann (meines Erachtens qualifiziert es sich für die Einstufung als rational), stellt sich doch die Frage - und nun wiederhole ich mich - warum, wenn der Gegenstand des Films doch eine "psychische Krankheit" ist, kein einziger Mord im Zeichen der Willkür oder Konfusion steht? Bereits hier, an ganz offensichtlichen Gegebenheiten, müsste man merken, dass die eigene Betrachtungsweise keinen Sinn ergibt. Man ist gezwungen auf externe Entitäten auszuweichen, um sie zu rechtfertigen. Nur auf diese Weise kann man auch die Mutter als Keim des Ungemachs begreifen, obwohl sie uns bloß als ein Glied in einer Kette von frevelhaften Einflüssen geschildert wird; obwohl weder narrative Struktur noch stilistische Ausdrucksweisen ein Schlaglicht auf ihre Person werfen. Nun wiederhole ich mich aber schon wieder. 


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