Die Illusion von "moralischen Tatsachen": Markus Gabriel widerlegt

Veröffentlicht am 30. Dezember 2020 um 08:34

Sie werden dem Versuch nicht müde, die schöngeistigen Kinder der Aufklärung, die vermuteten Zonen der Harmlosigkeit innerhalb der harmvollen Gebiete materieller Wirklichkeit aufzuspüren. Überzeugt sie warten nur darauf von der Menschheit betreten zu werden, narrt sie eine jede philosophische Wegweisung, die sie zur Fata Morgana der Übereinstimmung des eigenen Seelenwesens mit dem Wesen der Dinge anleitet. Das Ziel der Behaglichkeit einmal erreicht, weichen sie zeitlebens nicht mehr von ihr und nähren sich ausgiebig vom Anblick der Paradoxie und Absurdität, die ihnen als vernünftige und rationale Gebilde erscheinen.

 

In ihrer verzweifelten Suche verklären derart Gelehrte den einzigen Bezugspunkt, der ihnen im unheilvollen Nebel natürlicher Indifferenz geblieben ist, die intelligible Dimension der materiellen Sphäre als Stätte des heiligen Geists. Wo der von Mythologien und Religionen vereinnahmte Mensch historischer Epochen sich ihm erschließende Sachverhalte irdischer Existenz noch als Symptome des Übersinnlichen verstand, betrachtet sie der prototypische Metaphysiker unserer Zeit als seine Keimzelle, als Bedingung der Möglichkeit für u.a. moralische Werte. Da für seinen Geist die Behaglichkeit der irdischen Existenz, möge er es wie das Erbe der Aufklärung auch abstreiten, die einzige Hoffnung markiert das unbewusste Bedürfnis nach Halt und Wärme zu befriedigen, selektiert und verfälscht er -inspiriert von philosophischen Leitfiguren - unwillkürlich Sachverhalte zu seinen Gunsten und fordert auf dieser Basis neue, behaglichere Verhältnisse der irdischen Existenz ein! Dergestalt entfremdet er sich von der Realität in einem Ausmaß, demgegenüber die Beziehungen zur Welt von sogenannten Abergläubigen aus früheren Epochen als beinahe angemessen in Erscheinung treten. Diese hatten es nicht nötig sich die Realität mühsam zurechtzurücken und das Ergebnis als, falls sie ihn überhaupt unterstellten, Quelle für moralischen Universalismus zu werten. Die Entsinnlichung der Lebenswelt und die Entfremdung des Menschen von ihr vermittels Naturrechte, Materialismus, Sozialismus und Szientismus hätten unter ihrer Obhut schließlich nicht stattgefunden. Selbst die Ansicht eines religiösen Fundamentalisten, der seinen Universalismus mit Gott begründet, wirkt verglichen mit diesen universalistischen Ungeistern der Kinder der Aufklärung als eine Wohltat. Leider fällt Markus Gabriel, wie es der anschließende Zusammenschnitt unterstreicht, nicht in diese letztere Kategorie.

 

 

Wie man sieht, referiert er beständig auf Kulturen und erklärt es gäbe auf dieser Ebene des Kollektivs nicht variierende, konstante Aspekte innerhalb verschiedener moralischer Wertsysteme, die allgemeine Gültigkeit besitzen. Keine Kultur würde zum Beispiel Kindern sinnlos Gewalt zufügen, so seine Behauptung. Unabhängig davon, dass ihn Historiker - und Kaiser versucht das Postulat ja auch anzufechten - an diesem Punkt mit Verweise auf gesellschaftlich goutierte Opfergabe von Menschen, zu denen auch Kinder gehörten und wofür keine vorherige Dehumanisierung nötig war, widerlegen könnten, würde ein solcher Sachverhalt auch keine Universalität bestimmter moralischer Werte implizieren. Denn damit werden schließlich nicht die sinnlosen Gewaltakte auf individueller Ebene aus der Welt geschaffen. Ein einziger solcher Akt, begangen ohne moralische Skrupel, würde bereits ausreichen um die Allgemeingültigkeit bestimmter moralischer Werte als Irrtum zu entlarven und die These einer Universalität von Moral zu widerlegen. Ob das Gesetz, die Kultur, die das Individuum einbettet, dieses Handeln verurteilt spielt im Rahmen der Beweisführung für ihre Universalität keine Rolle. 

 

Die Gesetze einer Kultur, die vermittels organisierter Gewalt durchgesetzt werden, erzeugen (vorausgesetzt wir gewähren Gabriel seine Prämisse und unterstellen, dass bestimmte Verbote in allen Kulturen dieser Welt, historisch und gegenwärtig, gesetzlich verankert sind, sei es auf schriftliche oder mündliche Weise) eine universelle Gültigkeit und Ungültigkeit von Handlungsweisen, keine moralischen Tatsachen im Sinne des objektiv Guten und Schlechten, des objektiv Richtigen und Falschen, keine Universalität der Moral an sich. Sie bilden gleich religiöser Schriften den Grundtext, den Gegenstand der Referenz für die Bewertung menschlichen Handelns, ob sie wirklich schriftlich festgehalten werden oder nicht. Durch die objektive Macht des jeweiligen Gewaltmonopols, das auf diesen Grundtext referiert, sich damit rechtfertigt und Verstöße gegen die in ihn postulierten Richtlinien danach ahndet und bestraft, ergibt sich die benannte universelle Gültigkeit eines moralischen Systems, die vom Großteil des jeweiligen Volks als das objektiv Richtige anerkannt wird, obwohl faktisch nie ein Beweis für diese Objektivität geliefert wurde. Widerlegt wird sie, wie bereits berührt, von bestimmten individuellen Moralsystemen, die sich der Gültigkeit des Gesetzes widersetzen und sich auch als Konstanten qualifizieren. Keine Kultur bestand noch, in der kein Diebstahl oder sinnlose Gewalt praktiziert wurde, wo sich individuelle Moralsysteme nicht mit dem Gesetz duellierten.

 

In Anlehnung an Gabriels Logik könnte man in diesem Zusammenhang nun fragen, auf welche Quelle denn eigentlich die Ansicht fußt, dass es sich bei den das Kriterium der kulturellen Konstante erfüllenden Handlungstypen des bspw. Diebstahls und Betrugs nicht um das moralisch Legitime handelt? Wieso nicht die bloße Befriedigung des individuellen Bedürfnisses anstatt Kant's kategorischen Imperativ in die - um seiner Formulierung gerecht zu werden - Klasse des Guten eintragen? Ganz gleich wie man die Frage formuliert, welche Moral man einer Prüfung unterzieht, die statthafte Beantwortung stellt für Jedermann eine Unmöglichkeit dar. Die universelle Akzeptanz gegenüber zivilisatorischer Macht, auf dessen Basis eine gültige Moral statuiert wird, beurkundet sie. Nur weil der Natur selbst die Referenz der Moral faktisch fehlt, muss sie der Mensch, vorausgesetzt sein Ziel ist das kollektive Wohlergehen, konstruieren, ergo ein Gesetz in die Welt rufen. Damit nicht genug, sieht er sich ferner genötigt, da die Natur auch keine Autorität bereithält, sie mit einer Instanz zivilisatorischer Macht durchzusetzen*. Wie aber lassen sich dann, wenn zum einen die moralischen Wertvorstellung der Menschen nicht identisch sind, zum anderen die Natur als Quelle ausgeschlossen werden kann, die Postulate von moralischen Tatsachen rechtfertigen? Durch die falsche Identifikation des Gegenstands der Universalität: Gabriel will die Universalität einer Moral anhand von kultur- und zeitübergreifenden Verurteilung bestimmter Handlungstypen (geschenkt, dass es auf keine zutrifft) beweisen, verweist aber andauernd nur auf die Universalität ihrer Gültigkeit. Diese ergibt sich jedoch aus der Ausübung von Macht, nicht aus der Universalität der Moral selbst. 

 

Eine Universalität der Moral würde die Notwendigkeit der Ahndung und Strafe, die Sinnhaftigkeit von Gesetzen überhaupt negieren. Wenn es sich bspw. bei der Ablehnung von Vergewaltigung um eine Universalie handelt, warum sollte man in diesem Fall überhaupt den Aufwand unternehmen und sie unter Strafe stellen? Die Notwendigkeit einer Rechtsordnung, die nun mal aus der menschlichen Zivilisation hervorgeht und also der Natur selbst nicht innewohnt, widerlegt bereits die moralische Naturgesetzlichkeit, die Objektivität der Moral jenseits von zivilisatorischen Ausprägungen, auf die sich Vertreter unterschiedlichster politischer Lager nur allzu gern berufen. Nicht freiwillig versklavten sich die Menschen eben kontinuierlich, um mal den Duktus libertärer Ideologen aufzugreifen, sondern hauptsächlich aus einer Kosten-Nutzen-Abwägung, aus dem Verständnis der gesetzlosen, unmoralischen Alternative heraus. Das moralisch Gute nach Gabriel's und seinesgleichen Vorstellung hatte bisher nur dort bestand, wo eine souveräne Instanz Macht ausübte, bestimmte Rechte sowie eine gültige Moral per Zwang verwirklichte und dafür sorgte, dass sich eine entsprechende Kultur konstituierten konnte. Von dieser Offenkundigkeit unbeeindruckt erscheinen immer wider possierliche Gelehrte im Licht der Öffentlichkeit, die gar nicht selten mit außerordentlicher Gerissenheit versuchen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Privateigentum, Redefreiheit usw. von der irdischen Natur abzuleiten, sie als moralische Tatsachen, als Universalien zu verklären. Gabriel bekennt sich mit seiner Lehre zu dieser doch recht albernen Tradition der weichmütigen Seelen und kindlichen Geister, die die Beantragung von bestimmten Rechten und Gesetzen, die dem eigenen Verständnis nach bereits existieren, frei von Ironie und ohne sich dem Widerspruch bewusst zu werden veranlasst. 

 

 

*Einzig mit dem Bezug auf eine Religion könnte man theoretisch ein moralisches System, wenn auch unbewiesen, in der Natur (verstanden als das Werk Gottes) verankern, ohne dass eine Durchsetzung dessen Gültigkeit durch eine souveräne Machtinstanz nötig wäre. Der in entsprechenden Schriften proklamierte Gott würde im Gegensatz zur bloßen Natur eine Autorität darstellen, da die Menschen nicht erwarten die Ausübung von Macht empirisch zu erfassen. Im Bewusstsein seines überirdischen Wesens rechnen sie mit Ahndungen und Strafen im Jenseits oder in der Form der Mittelbarkeit. Die Hörigkeit gegenüber der Richtlinien kann sich demnach auch ohne Empirie der Macht festsetzen und perpetuieren - theoretisch, wohlgemerkt. 


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Kommentare

TakeshiKitano
Vor 9 Monate

Ja, Gabriel ist tatächlich ein Scharlatan. Vielen Dank!